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Albert Camus, L'Etranger / The Stranger, 1958 / 2011Albert Camus, L'Etranger / The Stranger, 1958 / 2011 - video

 

 

I. DAS KLIMA DES ABSURDEN

 

Im vergangenen Sommer hat mich die Studentengruppe Perabsurdum zu einer Ausstellung und einer Vortragsreihe zum Absurden von Albert Camus an die UniversitŠt Heidelberg eingeladen. Das interessierte mich, weil ich mit Camus einiges verbinde. Camus wurde uns MittelschŸlern schon in der Schule vorgestellt. Mir jedoch hatten diese Texte so gut zugesagt, dass ich de facto jede dritte Woche ein neues BŸchlein von ihm bestellte. Der Fremde, die Pest und andere mehr philosophische Texte machten auf mich als Teenager einen besonderen Eindruck und der Grad der Identifikation war hoch. Es schien mir, als hŠtte mein Leben durch diesen Autor und sein franzšsisches Cool eine neue QualitŠt erreicht. Deshalb konnte ich auch den Enthusiasmus dieser Heidelberger Camus Gruppe verstehen, die ohne gro§e Mittel dieses Symposium organisierte.

 

WŠhrend meines nicht abgeschlossenen Romanistikstudiums legte sich mein Interesse an Camus wie eine Jugendliebe, die man einfach irgendwann vergisst, bzw. gegen eine neue eintauscht. Mehr als zehn Jahre spŠter stie§ ich wieder auf Camus aber dieses mal durch einen Autor, der mir wiederum mein Leben wesentlich und anhaltend verŠnderte: Edward Said, der durch sein Buch Orientalism in der ganzen Welt berŸhmt und hauptverantwortlich wurde, dass Post-Colonial Studies in die UniversitŠten um die ganze Welt einzogen und sich interdisziplinŠr auf alle Geisteswissenschaften auswirkten, veršffentlichte Culture and Imperialism, wo ein Kapitel Camus widmete. Kaum ein Autor hat solch einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Literatur, Geschichte, Kunst und Politik bewirkt wie Said. Er zeigte auf, wie politische, militŠrische und koloniale VerhŠltnisse sich in akademischen und institutionellen Apparaten widerspiegeln und kulturelle Produktionen beeinflussen. Es sind gerade die durch die imperiale Politik und deren neue RealitŠten notwendig gewordenen Studien von nicht-europŠischen Kulturen, die mithalfen, eine westliche Vorherrschaft zu zementieren und zu rechtfertigen. Wie der Anti-Seminitismus sich subtil in alle Bereiche der Wahrnehmung und des šffentlichen Ausdrucks einnistete, so sind auch kulturelle und rassistische Vorurteilsstrukturen konstruiert, geschaffen und nur hartnŠckig zu erkennen oder gar zu vertreiben.

 

In akribischer Arbeit verfolgt Said, was fŸr Konsequenzen z. B. Napoleons Eroberung von €gypten in der Hauptstadt Paris, ihren Institutionen und in ihren Ausdrucksforen hinterlie§en. Das institutionalisierte Lernen und Studieren war genauso davon betroffen, wie die Vorstellungswelten, die sich kommerzialisierten oder in Literatur und Malerei sich mit oder ohne Erfolg durchschlugen. Wie schon etwas vor Said Foucault die Geschichte von Wahnsinn und IrrationalitŠt an seinem Gegenteil rekonstruiert, zeichnet Edward Said, dessen Seminar ich noch als freier Hšrer in New York besuchen konnte, die miriadischen Wege nach, wie diverse Formen von Fremdenhass und eurozentristische Arroganz entstehen und sich hartnŠckig halten.

 

In seinem Buch Cultur and Imperialism geht Edward Said im Kapitel Camus und die Wirklichkeit des franzšsischen Imperialismus auch auf den Fall Camus ein. Der Abschnitt beginnt mit der AttitŸde, mit der Frankreichs Kolonialpolitik ãdes GeniesÒ – die der EnglŠnder war ãministeriellÒ - die Expansion des franzšsischen Kolonialreichs in der zweiten HŠlfte des 19. Jahrhunderts betrieb, begleitet vom Ausbau von geographischen Gesellschaften und Instituten zum Studium der eroberten Welten. Die Wichtigkeit von Geographie als Wissenschaft unterstreicht ein Zitat von 1875, das von einer Konferenzrede vor Frankreichs wichtigsten Politikern stammt: ãMeine Herren, die Vorsehung hat uns die Verpflichtung auferlegt, die Erde kennenzulernen und sie zu erobern. Dieser oberste Auftrag ist eine der gebieterischen Pflichten, die unsere Intelligenz und unseren AktivitŠten aufgebŸrdet sind. Die Geographie, jene Wissenschaft, die diese schšne Hingabe inspiriert und in deren Namen so viele Opfer dargebracht worden sind, ist zur Philosophie des Erdballs gewordenÒ (Edward Said, Kultur und Imperialismus, p 236). Die Kolonialassimilation ging einher mit bizarren Studien zur Rassenpsychologie, was immer dann mitschwingt, wenn von ãIntelligenzÒ die Rede ist. Diese Intelligenz bŸrdete den Franzosen eine ãZivilisationsmissionÒ auf, der gerne mit Opfern nachgegeben wird. Es wird ergŠnzend hinzugefŸgt, dass diese Unternehmen nicht durch Einladung zu ãhierarchischen PartnerschaftenÒ gefŸhrt hŠtten, sondern einer ãultima ratioÒ zu verdanken seien, die sich Gewalt nannte. Der Zivilisationsauftrag diente den Franzosen als wichtigste Rechtfertigung fŸr ihre  Kolonisationsarbeit.

 

Camus wŠchst also in einem kolonialen Kontext auf, den HÕsen Derdour – ein algerischer Historiker -  ein ãKonzentrationslagerÒ fŸr Algerier bezeichnete. Said beschreibt Camus als ãspŠte imperiale Gestalt, die nicht nur die HochblŸte des Imperiums Ÿberlebte, sondern auch jetzt noch als âuniversalistischerÕ Schriftsteller mit Wurzeln in einem heute vergessenen Kolonialismus Ÿberlebt.Ò (ebd. p. 239). Er fŠhrt fort, ihn mit George Orwell zu vergleichen, der ebenfalls im Zusammenhang mit den Problemen der 30iger und 40iger Jahre des 20. Jahrhunderts gelesen werden mŸsste, es aber nicht wird. Beide Autoren sind ãin ihren jeweiligen Kulturen beispielhafte Figuren geworden ..., deren Bedeutung aus ihrem heimischen Kontext erwŠchst, ihn jedoch zu transzendieren scheint.Ò (p. 240). Said wirft Camus jedoch nicht einfach Blindheit gegenŸber den Abscheulichkeiten der kolonialen Herrschaft Frankreichs vor und zitiert auch seine bekannten Vorkriegsberichte, die er als âmoralische Person in einer immoralischen SituationÒ (p. 242) verfasst hat. Er fragt sich jedoch, warum Camus in seinen Romanen  LÕEtranger (1942) und La Peste (1947) algerische SchauplŠtze verwendet hat, obwohl die Hauptreferenzen als das Frankreich unter der Nazi-Besatzung zu deuten waren. Said vermutet darin eine ãverstohlene oder unbewusste Rechtfertigung der franzšsischen Herrschaft oder ein ideologisches Manšver zu ihrer VerbrŠmungÒ (p 242).

 

Said plŠdiert, dass CamusÕ Werke mit der Literatur jener Zeit verglichen werden, die nach der UnabhŠngigkeit geschrieben wurden und von Leuten stammen, die das franzšsische Kolonialreich nicht akzeptierten. ã Eine korrelative Interpretation von CamusÕ Romanen liefe also darauf hinaus, sie als Eingriffe in die Geschichte der franzšsischen Anstrengungen aufzufasssen, Algerien franzšsisch zu machen und zu erhalten, und nicht als Romane, die etwas Ÿber den Geiste und Seelenzustand des Autors verraten. ... Diese algerische Perspektive kann verborgene Aspekte entbinden und freilegen, die von Camus fŸr selbstverstŠndlich erachtet oder geleugnet wurden.Ò (p. 243). Said teilt die †berzeugung, dass diese Romane ãals Parabeln der condition humaineÒ gelesen werden, in dem Araber wie Statisten behandelt werden: ãMeursault tštet einen Araber, aber dieser Araber ist namenlos und scheint ohne Geschichte zu sein, gar nicht zu reden von Vater und Mutter, ebenso sicher ist, in Oran sterben Araber an der Pest, doch sie tragen keine Namen, wŠhrend Rieux und Tarrou in die Handlung geradezu hineingesto§en werden.Ò Said fŠhrt fort: ãIch harre jedoch darauf, dass sich in CamusÕ Romanen gerade das findet, wovon sie, wie man einst annahm, gereinigt worden seien – Details Ÿber jene so ganz andere, 1830 begonnnene franzšsische imperiale Eroberung, die sich zu CamusÕ Lebzeiten fortsetzte und sich in die Komposition der Texte hinein projiziert.Ò. (p 244)

 

Edward Said sieht darin jedoch keine ãRachesuchtÒ und will auch keine ãSchuldÒ zuschreiben, obwohl sich Camus šffentlich vehement gegen die UnabhŠngigkeit Algeriens von Frankreich ausgesprochen hat, die er nur als reine Passion denunzierte, also unfŠhig einer rationalen, staatstragenden Entscheidung: ãEn ce qui concerne lÕAlgŽrie, lÕindŽpendance nationale est une formule purement passionelle. Il nÕa jamais eu encore de nation algŽrienne.Ò (ãSo wohlwollend man den arabischen AnsprŸchen auch gegenŸberstehen mag, so muss man doch zugeben, dass im Falle Algeriens die nationale UnabhŠngigkeit ein rein von der Leidenschaft bedingtes Schlagwort ist. Es hat noch nie eine algerische Nation gegeben.Ò) (p. 248)  Um die Franzosen in Algerien als ãEingeboreneÒ  zu definieren und zu verankern, bedient sich Camus auch demselben Topos, der schon Napoleon Bonaparte bei der Eroberung von €gypten behilflich war, wo dieser anscheinend sich selbst als der ãwirkliche MuslimeÒ ausgegeben hatte: ãLes Franais dÕAlgŽrie sont, eux aussi, et au sens fort du terme, des indignes.Ò (ãDie Algerierfranzosen sind ebenfalls, und zwar im buchstŠblichen Sinne des Wortes, Eingeborene.Ò) (p. 248) Es verwundert nicht, dass Camus wie das damalige Frankreich dem Algerien ohne Franzosen keine škonomische SelbststŠndigkeit zutraute, obwohl jeder heute wei§, was die wirtschaftlichen, marktspezifischen und internationalen Voraussetzungen von škonomischer UnabhŠngigkeit sind.

 

Solche Annahmen sind heute kaum mehr nachvollziehbar und sind Teil eines ãKlima des AbsurdenÒ (Sartre), das vom franzšsischen Au§enminister Chautemps noch gesteigert wurde, indem er 1938 Arabisch in Algerien zur ãFremdspracheÒ erklŠrte. (p. 249) Das Absurde ist kein ãmetaphysischer Zustand,Ò (Camus) sondern das Resultat einer brutalen Kolonialgeschichte, die Entfremdung, Ausbeutung, systematische Landenteignung, Gewalt und eine Politik des Genozids als mission civilisatrice, als Zivilisationsauftrag aufzwingt. Said zitiert hier u. a. Offiziere, die die quasi-aleatorischen ãRazziaÒ und BestrafungsstreifzŸge gegen algerische Dšrfer, ihre Menschen, HŠuser und GŸter priesen und einen ãÕguerre ˆ outrance,Õ ein Krieg der †bertreibung jenseits aller Moral oder NotwendigkeitÒ als ãangenehme ZerstreuungÒ  (p 251) praktizierten: ãDie Araber ... mŸssen davon abgehalten werden, zu sŠen, zu ernten und ihre Herden zu weiden.Ò Auf gut Franzšsisch: ãLes Arabes ne comprennent que la force brutaleÒ - ãDie Araber verstehen nur die brutale GewaltÒ (p. 251). In der Sprache der im 19. Jahrhundert florierenden Rassentheorien spricht ein Albert Sarrauts in seinem Buch ãGrandeur et servitude colonialesÒ von Rassen, ãdie unfŠhig sind, ihre Ressourcen zu nutzenÒ und deshalb den Kolonisator noch im Akt der brutalen PlŸnderung zum Schšpfer der ãMenschenrechteÒ und ãZivilisationÒ macht. (p.252)

 

Saids Anliegen besteht darin, ãCamusÕ Literatur als Element der franzšsischen, methodisch konstruierten politischen Geographie Algeriens zu begreifen, deren VervollstŠndigung viele Generationen in Anspruch nahmen. ... dabei nŠhere ich mich ihr bewusst unter dem Gesichtspunkt, dass sie einen fesselnden Bericht Ÿber den politischen und interpretativen Wettstreit liefert, das Territorium selbst zu reprŠsentieren, in Besitz zu nehmen und zu bewohnen.Ò (p. 244)  Es geht Said um die Entzifferung dieser Dispositive, auf denen asymmetrische, eurozentrische und rassistische Anschauungsweisen und Vorurteilsstrukturen aufbauen und in vielen FŠllen unbemerkt tradiert werden.  Freud verankert solche FŠlle oft im (kulturellen) Unbewussten und Foucault spricht von unterschwelligen und vorgefundenen Diskursen, in denen unser Wissen und unsere Wahrheiten erzeugt und verankert werden, unterstŸtzt durch sie tragende administrative Institutionen, Mechanismen und Apparaten. Heute sind es die Postkolonialen Studien, die sich u. a.  zum Ziel setzen, die Effekte von Imperialismus und Kolonialismus auf die gesamte Wissens- und Literaturproduktion einer Epoche zu untersuchen.           

 

Mit diesem Anspruch versucht Said im Culture and Imperialsm Buch CamusÕ ãvorrangige AnsprŸche auf die Geographie AlgeriensÒ (p. 251) aufzuspŸren und zu isolieren. Wenn Said bei Camus fŸndig wird und die ãTraditionen, Idiome und diskursiven Strategien der Aneignung Algeriens durch FrankreichÒ (p. 254) analysiert,  dann sieht er darin nicht den literarischen Wert des Werkes CamusÕ reduziert: ãGerade weil  CamusÕs berŸhmteste literarische Werke einen dichten franzšsischen Diskurs Ÿber Algerien bezeugen, ihn unnachgiebig wiederholen und in vieler Hinsicht von ihm abhŠngen, einen Diskurs, der zum Ensemble franzšsischer imperialer Einstellungen und geographischer Referenz gehšrt, ist sein Werk mehr und nicht weniger aufschlussreich. Sein klarer Stil, die peinigenden moralischen Dilemmata, die er freilegt, die qualvollen persšnlichen Schicksale seiner Gestalten, die er mit gro§er Feinheit und gemŠ§igter Ironie vorstellt – das alles lŠsst die franzšsische Herrschaft in Algerien sichtbar werden, ja sogar wiederaufleben, mit bedachtsamer PrŠzision und einem bemerkenswerten Mangel an schlechtem Gewissen oder MitgefŸhl.Ò (p  250). Said geht auf den Fremden noch genauer ein, dessen Meursault wegen sinnlosem Mord an einem namenlosen Araber vor Gericht gestellt wird, also an einem Ort, an dem kein Franzose im kolonialen Algerien wegen einem Arabermord angeklagt worden wŠre.

 

Wenn von Camus und AbsurditŠt die Rede ist, denke ich nicht nur an Edwards Saids Analyse, sondern auch an das absurde Faktum, wie defensiv und ignorant die traditionelle Camus- und Existentialismusexegese gegenŸber diesen postkolonialen Diskursen sich verhŠlt. Leider werden in Europe au§erhalb der Postcolonial Studies diese ZusammenhŠnge immer noch nicht akzeptiert, wo wichtige Autoren wie Frantz Fanon in Frankreich mehr oder weniger ungelesen bleiben. In einem Interview von 1996 mit mir in New York erklŠrte selbst Julia Kristeva, dass sie Fanon nicht kannte (Rainer Ganahl – Julia Kristeva, Revolt and Revolution, in: Julia Kristeva, Revolt, She Said, Foreign Agents, New York 2002). Frantz Fanon arbeitete wŠhrend des Algerienkrieges als Psychiater in franzšsischen KrankenhŠusern in Algerien und hat die direkten Auswirkungen von Mord, Folter und Krieg sowohl an den Opfern wie auch an den TŠtern beobachtet, behandelt und beschrieben. In Les damnŽs de la terre von Fanon findet sich ein Kapital Ÿber mentale Stšrungen im Krieg, wo tragische aber sogleich typische FŠlle von posttraumatischen Symptomen beschrieben werden, die an UnerklŠrlichkeit, IrrationalitŠt, Entfremdung und mšrderischer BrutalitŠt – also an reiner AbsurditŠt – kaum Vergleichbares finden. Das Absurde ist kein metaphysisches oder philosophisches Problem, sondern die Mischung aus Arroganz, WillkŸrlichkeit, Gewalt und profitsŸchtiger Interessensdurchsetzung in Kontexten, wo feindselige Akteure nichts zu suchen haben.  

 

Absurd war auch, dass die BŸcher von Fanon in Frankreich erst in den letzten zehn Jahren wieder aufgelegt wurden und fŸr Ÿber zwei Jahrzehnte nur schwer zu finden waren. Das deutsche Verlagswesen verhielt sich mit Frantz Fanon bis in die 1990iger Jahre nicht viel anders. Ich war deshalb auch nicht verwundert, dass die heidelberger Studentengruppe Perabsurdum, Said, Frantz Fanon, AimŽ CŽsaire und etliche andere Autoren der Dekollonisation nicht nur nicht kannten, sondern sich gegen deren Analysen wehrten und sie mit deren Camus-Identifikation nicht versšhnen wollen. Hier mšchte ich noch hinzufŸgen, dass Jean-Paul Sartre im Zusammenhang mit Algerien eine von Camus diametral entgegengesetzte Position eingenommen hat und sich auf der Seite von Frantz Fanon fŸr die UnabhŠngigkeit Algeriens aussprach. Es war Sartre, der die Einleitung zu Die Verdammten der Erde geschrieben hatte.

 

Was die Existenzialismusmode (und die Faszination fŸr den Strukturalismus) der Nachkriegsjahre auch au§erhalb Frankreichs noch beflŸgelte, war der Attraktion all jener traumatisierten Menschen, die den Zweiten Weltkrieg als TŠter noch Ÿberlebten. Auch ihnen war die Rede von metaphysischer Entfremdung und AbsurditŠt ein Balsam fŸr ein Gewissen, dessen Unbehagen sich nicht so einfach in die kollektiven MŸllhalden der Schuld entsorgen lie§. Sich als namenloser anonymisierter MittŠter in den Strukturen des Faschismus als absurdes, geworfenes Ding zu reflektieren, dass zwischen Sein und Zeit und Das Sein und das Nichts oszillierte, nachdem es den Wahnsinn des Naziregims und dessen Niedergang in den Alliiertenbombardements Ÿberlebt hatte, war mit den PrŠmissen des Existentialismus gut vereinbar. Allerdings sollte man heute in der Lage sein, historische Kontexte angemessen in der Literatur- und Philosophierezeption zu berŸcksichtigen. Die Zeit der blinden Flecken gegenŸber kolonialen, militŠrischen, škonomischen, sozialen, politischen, und kulturelle Macht- und Vorherrschaftskonstellationen muss zu Ende gehen. Das zu belŠcheln oder abzulehnen ist das wahre Absurde.

 

 

 

 

 

II. DAS ABSURDE UNTER DER SONNE

 

 

Albert Camus, L'Etranger / The Stranger, 1958 / 2011 ist ein Video, dass ich anlŠsslich der Verhaftung von Domique Strauss-Kahn, dem damaligen Direktor des Internationalen WŠhrungsfonds (IWF) am 14. Mai 2011 in New York gemacht habe. Dem 62ig jŠhrigen Strauss-Kahn wurde vorgeworfen, die 32 jŠhrige Hotelbedienstete Nafissatou Diallo vergewaltigt zu haben. Strauss-Kahns Sperma wurde an den Kleidern von Diallo nachgewiesen. Die Strauss-Kahn Verteidigung bestand in der Behauptung, es hŠtte sich um Sex mit beiderseitigem EinverstŠndnis gehandelt. WŠhrend der Prozesszeit wurde dem vorerst verhaftetem Strauss-Kahn erlaubt, gegen eine Million Dollar Kaution sich in einem Privathaus in Tribeca, 153 Franklin Street, unter Hausarrest aufzuhalten. Die Miete kostete 50.000 $ und die Polizeibewachung und Sicherheit 200.000 $ monatlich. (http://www.huffingtonpost.com/2011/05/26/dominique-strausskahn-mov_n_867340.html). Strauss-Kahn hatte eine schlechte Reputation im Umgang mit Frauen und war bereits in Prozesse wegen sexueller BelŠstigung involviert. Auch gibt es diverse FŠlle, wo dem ãgrand sŽducteur,Ò dem ãgro§en VerfŸhrerÒ ungeziemende Liaisons mit jungen Frauen im IWF und in anderen hochkarŠtigen Institutionen nachgesagt wurden, die alle mit KŸndigungen der talentierten, gut verdienenden Frauen endeten. Das Wiederholungsmuster der VorwŸrfe, die diesbezŸglichen Gerichtsverfahren, die ihm nachgewiesenen exzessiven Unterhaltungsvorlieben fŸr Sexparties mit Prostituierten, das mit DNA sichergestellte Sperma auf den Kleidern der Frau und die Unwahrscheinlichkeit, dass eine recht junge Mutter sich kurzfristig fŸr einen Sexualakt in einen recht alten Mann verliebt, stellte eine Situation dar, in der es schwer war, mit einem Freispruch zu rechnen. Aber genau das passierte, weil die GlaubwŸrdigkeit der Frau wegen WidersprŸchen im Verhšrungsprozess evaporierte und der Prozess aufgrund der Beweislage und der GlaubwŸrdigkeitsprobleme der KlŠgerin vorzeitig eingestellt wurde. Ihre WidersprŸche hingen laut Diallo an †bersetzungsproblemen, was jedoch am Ergebnis nichts Šnderte. Weitere Verfahren gegen Strauss-Kahn in Frankreich im Zusammenhang mit einem Prostitutionsring und wegen vom franzšsischen Staat bezahlten teuren Sexparties sind immer noch am laufen. Seine šffentlichen €mter und Superjobs wurden dem Politiker entzogen und seine gro§en Chancen auf die franzšsische PrŠsidentschaft ist verspielt. 

 

 

Das ganze war absurd. Die franzšsische …ffentlichkeit war schockiert, ihren angesehenen, sehr reichen, mšglichen nŠchsten PrŠsidenten in Handschellen in einem šffentlichen GefŠngnis zu sehen. Der Freispruch wurde in Paris mit Erleichterung akzeptiert, obwohl sich die Reputation von Strauss-Kahn durch weitere nachgewiesene Sex- und Prostitutionsskandale seither wesentlich verschlechtert hat. In New York war die Demontage des Charakters der Frau durch die Megaverteidigung von Strauss-Kahn weniger erfreulich zur Kenntnis genommen, obwohl auch hier zum Zeitpunkt des Prozessabbruchs die šffentlichen Sympathien fŸr Diallo durch diese WidersprŸche aufgebraucht wurden. Bei Diallo kam es nicht nur zu Diskrepanzen im Verhšr in Bezug auf das unmittelbare Nachher der Ereignisse im Sofitel New York, - ich ging in das Zimmer, nein, ich ging nicht in das Zimmer; ich putzte weiter, nein, ich putzte nicht weiter - sondern auch bezŸglich ihrer Immigrationspapiere. Sie stammte aus der Krisenregion Guinea und Ÿbertrieb das Elend ihrer damaligen LebensumstŠnde, um sich fŸr Einwanderungspapiere zu qualifizieren. Im Verhšr war auch die Rede von  einer Gruppenvergewaltigung in Ginea, von der sie sich spŠter in den langen Verhšren wieder distanzierte. Ebenfalls hatte sie freundschaftliche VerhŠltnisse zu anderen Immigranten aus Afrika, die im Knast sa§en, mit denen sie telefonierte und auch Ÿber mšgliche Kompensationszahlungen sprach.

 

 

Eine weitere Dimensioin erlangte dieser Fall durch eine Konspirationstheorie, derzufolge das ganze eine von der politischen Opposition in Frankreich inszenierte AffŠre sein hŠtte sollen, um den sozialistischen Kandidaten zu eliminieren. Aufgrund von Videoaufnahmen und ZimmerschlŸsseldaten hŠtten mehrere Leute und auch Unbekannte in diesen Fall vermischt gewesen sein sollen, was aber nicht bewiesen werden konnte. Ob eine Person des Hotelpersonals in DKSÕs Zimmer zwei Minuten vor seinem Erscheinen nur die Teller entfernte oder auch einen BlackBarrie, der eine angebliche Warnung vor einem Skandal anzeigen hŠtte sollen und seither unauffindbar ist, konnte nicht geklŠrt werden. Es ist auch ohne Konspirationstheorie verstŠndlich, dass dieser Hotelbedienstete sich weigerte, sich in lange Polizeiverhšre zu verstricken. Es gibt genŸgend psychologische und kriminalistische Literatur, die beweist, wie de facto Opfer unter Schock in langwierigen Verhšren sich widersprechen und falsche Geschichten fabrizieren kšnnen. HŠtte Diallo wirklich fŸr Sarkozys Leute gearbeitet, wŠre sie vorsichtiger im Umgang mit TelefongesprŠchen umgegangen, denn solche Leute hŠtten sie auf die Mšglichkeit von Telefonmitschnitten hingewiesen. Auch hŠtten Nicolas Sarkozys Leute ein viel leichteres Spiel gehabt, Strauss-Kahn auf einer seiner tatsŠchlich besuchten Orgien zu filmen und ihn so zu kompromittieren und nicht durch einen solch heiklen Fall, mit einer regelmŠ§ig arbeitenden Hotelbediensteten mit Tochter. Profis hŠtten einen besseren Job garantiert. Auch sollten Spitzenpolitiker Bescheid wissen, dass es unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen kšnnte, wenn anscheinend junge lŠchelnde Hotelbedienstete einem alten Mann im Nu sexuelle Offerte machen ohne dabei Geld zu verlangen. Von gekaufter Liebe war nie die Rede. Der sexuelle Akt war durchs Vorhandensein von DKSÕ Sperma auf den Kleidern der Bediensteten unumstritten. Ebenfalls deckte sich die physische Untersuchung im Spital nach dem Ereignis mit der Behauptung eines sexuellen †berfalls. Eine †bernachtung in diesem Luxushotel kostet um die 2000 $ die Nacht, was alle GŠste der Gefahr von potentiellen Erpressungsversuchen aussetzt und auch bessere WertgegenstŠnde als BlackBerries zum Klau anbietet. Diallo war bis zu diesem Vorfall in keine Anschuldigungen verwickelt. 

 

 

Das Video Albert Camus, L'Etranger / The Stranger, 1958 / 2011 bestand darin, mich zu filmen, wie ich an einem sonnigen Morgen eine franzšsische Originalausgabe von CamusÕ Der Fremde so lange mit den FŸ§en die Franklin Street entlang trat, bis das BŸchlein sich kaputt auflšste. Der ungeschnittene Kameradreh beginnt mit dem Buch, das ich vor der Fassade einer Bank langsam in die Sonne fŸhrte, bevor ich es der Strasse Ÿberlie§. Auf diesem Stra§enstŸck befand sich das 14 Millionen teure Townhouse, das von Strauss-Kahn mit entsprechender Polizeibewachung bewohnte wurde. Auf der anderen Seit der Stra§e stand ein eingezŠuntes Gehege fŸr zahlreiche Journalisten bereit, die die Weltpresse mit Bildern fŸr Schlagzeilen belieferten. Vor diesem Zirkus trat ich mein armes, unschuldiges Camus BŸchlein entlang, bis ich von uniformierten und nicht-uniformierten Polizisten und SicherheitskrŠften mit der Drohung ãYou donÕt wanna spent this weekend in jailÒ vertrieben wurde. Ich nahm also mein BŸchlein in die Hand und verlie§ den unmittelbare DSK Bereich, verfolgte aber weiterhin mein Ziel, das Buch Ÿber die nŠchsten paar hundert Meter zu zertreten.

 

 

 

 

Das also war eine absurde Aktion, die sich in eine lange Geschichte von Buchzerstšrungen einschreibt, wie sie in Europa und anderswo aufgrund von politischen, religišsen und moralischen Exzessen immer wiederholten. Erst letzte Wochenende kam es zu Koranvernichtungen durch Besatzungstruppen in Afghanistan, die mehrere Morde von Amerikanern und afghanistanschen SicherheitskrŠften nach sich zogen. Diese Koranzerstšrungen provozieren absurde Reaktionen wie Massenhysterie, Mord und Todschlag und spiegeln eine Situation, wo ebenfalls eine im Recht sich glaubende quasi-neokoloniale Besatzungsminderheit denkt, sie schaffe Recht und Ordnung, Friede und Sicherheit, Freiheit und Demokratie in einer Art ãzivilisatorischen Mission,Ò die zwar nicht als solche deklariert, aber als solche diskutiert und gerechtfertigt wird. 

 

 

Ich empfand es als notwendig, das Buch gegen die Sonne zu halten und dann sinnlos zu zerstšren und das im angespannten Radius eines sich entfaltenden Kriminalfalls, in dem ein reicher, mŠchtiger, alter, europŠischer Mann auf eine relativ junge, arme westafrikanische Frau aus Ginea stie§. Ginea war von 1890 bis 1958 Teil der franzšsischen Kolonien, ist aber durch politische Gewalt, Vergewaltigungen und Morde in der jŸngsten Vergangenheit gezeichnet. Den genauen Vorgang dieser problematischen Interaktion zwischen diesem Mann und dieser Frau wird nie mit Sicherheit geklŠrt werden, um was es aber in meiner kŸnstlerischen Arbeit nicht geht. Es kommt hier weder zu einer Schuldzuschreibung noch zu einer moralischen Sympathiekundgebung fŸr die eine oder andere Partei, sondern nur zu einer kurzen absurden Durchquerung eines Schauplatzes mit internationalem Spektakelwert.

 

 

Die Akteure dabei sind nicht nur die Mittagssonne, die Stra§e mit ihren Pflastersteinen, die mich vertreibende Polizei vor der mich ignorierenden Weltpresse und der problematische Fall Dominque Strauss-Kahn, sondern auch der literarische Held des Absurden, Albert Camus mit seinem Meursault, der ebenfalls unter der Mittagssonne sein absurdes aber tšdliches GeschŠft verfolgte. Im Gegensatz zu CamusÕ literarischem Held, der einem Gericht sich stellen musste, trage ich mit meiner absurden Aktion und dem dabei entstandenen Video nur vor der Sonne Verantwortung. Mit nur dieser Verpflichtung vor der Sonne hŠtte hšchstwahrscheinlich auch ein historischer Revolverheld ˆ la Meursault im kolonialen Algerien rechnen mŸssen, da ja Franzosen gegenŸber Arabern gro§teils willkŸrlich verfahren konnten. Das Absurde - und so rŠsoniere ich – versteckt sich hinter Politik und Kultur, Macht und Machtlosigkeit, Gewalt und Elend und spricht den Dialekt ausbeutender Sinnlosigkeit. Es ist das ein interessenvolles Wohlgefallen am Absurden, das vom Schšnen bis zum Bestialischen, von Liebe bis zur Vergewaltigung reicht.

 

 

Rainer Ganahl,

New York, MŠrz 2012